Wie aus einer Idee für winzige Originalkunstwerke meine diesjährige Inktober-Serie wurde und warum ich sie schließlich nicht zu Ende geführt habe.
Wie alles angefangen hat
Manchmal begegnet einem eine Idee, die erst einmal im Hinterkopf verschwindet und irgendwann ganz unvermittelt wieder auftaucht.
So ging es mir mit den sogenannten ACEOs beziehungsweise KaKAO-Karten. Über diese kleinen Kunstwerke war ich schon vor einiger Zeit gestolpert. Ich fand die Vorstellung spannend, Originalkunst in einem Format zu schaffen, das kaum größer als eine Spielkarte ist. Eine ganze kleine Sammlung, die man problemlos in einer Schachtel unterbringen könnte.
ACEO steht für „Art Cards, Editions and Originals“. Im deutschsprachigen Raum werden die Karten auch KaKAO-Karten genannt, kurz für „Kunstkarten, Auflagen und Originale“. Ihr festgelegtes Format beträgt 2,5 × 3,5 Zoll, also ungefähr 6,4 × 8,9 Zentimeter. Anders als die ursprünglich zum Tauschen gedachten Artist Trading Cards dürfen ACEOs auch verkauft werden.
Die Idee gefiel mir, aber zunächst passierte damit nicht viel.
Bis die Promptliste für den Inktober 2026 veröffentlicht wurde.
31 Begriffe, 31 kleine Originale?
Am Inktober nehme ich schon seit einigen Jahren immer wieder teil. Die Idee dahinter ist einfach: Für jeden Tag im Oktober gibt es einen vorgegebenen Begriff, der zeichnerisch umgesetzt werden soll.
In diesem Jahr wollte ich das Ganze etwas anders angehen. Statt Zeichnungen in wechselnden Formaten sollten 31 kleine Originale entstehen, alle im ACEO-Format.
Das hatte gleich mehrere Reize. Einerseits wollte ich ausprobieren, wie viel sich auf einer so kleinen Fläche überhaupt erzählen lässt. Andererseits gefiel mir die Vorstellung einer zusammengehörigen Serie aus 31 eigenständigen Motiven.
Gezeichnet habe ich hauptsächlich mit wasserfesten Finelinern. Meine Vorliebe für feine Linien, Schraffuren und kräftige Schwarzweißkontraste ließ sich auch auf den kleinen Karten umsetzen, allerdings musste ich mich bei den Details deutlich stärker beschränken als gewohnt.
Als verbindendes Element bekamen die Zeichnungen einen rechteckigen Rahmen, den die Motive immer wieder durchbrechen. Später entschied ich außerdem, jeder Karte einen einzelnen Farbakzent zu geben. Mal ist das ein roter Schuh, mal ein orangefarbener Schwimmflügel. Die Farbe sollte nicht die ganze Zeichnung bestimmen, sondern gezielt ein Detail hervorheben.
Vom Wort zur Zeichnung
Das eigentlich Spannende am Inktober ist für mich nicht das Zeichnen selbst, sondern die Suche nach einer Idee.
Ein Begriff kann ganz unterschiedliche Bilder auslösen. Manchmal ist die erste Assoziation schon die richtige. Manchmal braucht es mehrere Anläufe, bis aus einem Wort eine Zeichnung wird, die mich überzeugt.
Bei APPLE wurde aus einem gewöhnlichen Apfel beispielsweise ein AugAPFEL. Für RELIC habe ich einen winzigen, abgenagten Bleistiftstummel wie eine kostbare Reliquie auf ein Samtkissen gebettet. Und bei MINIATURE verschwand ein gewaltiger Wirbelsturm in einem kleinen Glasfläschchen zwischen zwei Fingern.
Andere Motive entstanden aus ganz alltäglichen Beobachtungen.
Bei PANIC genügte eine Katzenpfote, die sich einem Wasserglas an der Tischkante nähert. Wer Katzen kennt, weiß, wie viel Spannung in diesem eigentlich vollkommen ruhigen Moment steckt.
Für RAM zeichnete ich einen Widder, der eine Tür mit der Aufschrift „PULL“ mit seinen Hörnern bearbeitet. Schließlich kennt wohl jeder diese Türen, an denen man erst einmal in die falsche Richtung drückt.
Und bei MYSTICAL landete eine Meerjungfrau in einer viel zu kleinen Badewanne. Mit Schwimmflügeln, versteht sich. Auch Meerjungfrauen müssen schließlich irgendwann schwimmen lernen.
Manchmal war die Idee aber auch ganz naheliegend. Für STINKY zeichnete ich einfach eine Stinkmorchel. Dieser Pilz ist von Natur aus schon ungewöhnlich genug.
Besonders schön fand ich, dass manche Einfälle ganz nebenbei entstanden. Der Oger mit Bademantel, Handtuchturban und Augenpads für OGRE kam mir beispielsweise beim Zähneputzen in den Sinn.
Andere Begriffe wollten dagegen überhaupt nicht. RESCUE lag lange auf meinem gedanklichen Komposthaufen, wie ich das irgendwann scherzhaft genannt habe. Dort durfte die Idee vor sich hin gären, während ich längst andere Karten zeichnete.
Und genau das war der Vorteil meiner Vorbereitung.
Muss Inktober eigentlich im Oktober entstehen?
Die Promptliste wird bereits im September veröffentlicht. Für mich war deshalb von Anfang an klar, dass ich die Zeit vor dem Oktober nutzen würde.
Ich wollte nicht jeden Abend nach der Arbeit vor einem leeren Blatt sitzen und unter Zeitdruck eine Idee entwickeln müssen. Lieber wollte ich die Motive in Ruhe durchdenken, skizzieren und zeichnen, wenn ich gerade Lust und Zeit dafür hatte.
In einer Instagram-Kommentarspalte entwickelte sich später eine interessante Diskussion darüber, ob man die Zeichnungen für den Inktober überhaupt im Voraus anfertigen sollte.
Ein nachvollziehbarer Einwand war, dass aufwendig vorbereitete Arbeiten den Vergleichsdruck für diejenigen erhöhen können, die tatsächlich jeden Tag im Oktober eine Zeichnung anfertigen. Schließlich geht es bei der ursprünglichen Challenge auch darum, regelmäßig zu zeichnen und eine tägliche Routine zu entwickeln.
Ich kann diesen Gedanken verstehen. Allerdings glaube ich nicht, dass es hier nur einen richtigen Weg gibt.
Für manche steht die tägliche Zeichenübung im Vordergrund. Für andere ist die Promptliste ein kreativer Anstoß, um eine Serie von Arbeiten zu entwickeln. Manche überlegen sich ihre Motive vorher, andere zeichnen sie bereits fertig.
Keine dieser Herangehensweisen ist für mich besser oder schlechter.
Ich wollte aus den Begriffen 31 kleine Originalkunstwerke entwickeln. Wann genau ich dafür den Stift in die Hand nahm, spielte für dieses Ziel keine entscheidende Rolle.
Und ehrlich gesagt: Ich habe überhaupt keine Lust, aus einem freiwilligen Kreativprojekt einen Wettbewerb darüber zu machen, wer die Regeln am gewissenhaftesten einhält.
Und dann war nach wenigen Oktobertagen Schluss
Im September lief es richtig gut. Die Ideen kamen, die Karten nahmen Gestalt an und ich hatte große Freude daran, die kleinen Motive zu entwickeln.
Trotzdem habe ich den Inktober am 6. Oktober vorzeitig beendet.
Nicht, weil mir das Format plötzlich nicht mehr gefiel. Und auch nicht, weil mir die Ideen ausgingen.
Es war vielmehr eine Frage der Prioritäten.
Neben dem Inktober standen weitere Projekte an, darunter die Vorbereitungen für meine Ausstellung und Arbeiten, mit denen ich meine künstlerische Selbständigkeit weiterentwickeln möchte.
Irgendwann merkte ich, dass sich der Inktober zunehmend wie eine Aufgabe anfühlte, die noch erledigt werden musste. Und genau das wollte ich eigentlich vermeiden.
Natürlich macht es Spaß, die fertigen Zeichnungen auf Instagram zu zeigen und sich darüber auszutauschen. Aber am Ende investiere ich viele Stunden in diese Arbeiten. Stunden, die mir für andere Dinge fehlen.
Ich möchte meine Zeit nicht hauptsächlich dafür einsetzen, einen Social-Media-Kalender vollständig zu füllen (mein Durchhaltevermögen habe ich außerdem in den letzten paar Jahren schon ausführlich bewiesen). Ich möchte Kunst machen, die mir Freude bereitet, und gleichzeitig an einer Selbständigkeit arbeiten, die langfristig wirtschaftlich trägt.
Deshalb habe ich beschlossen, die Serie nicht auf 31 Karten aufzufüllen.
Die bereits entstandenen Originale bleiben selbstverständlich bestehen. Sie werden dadurch nicht weniger interessant oder weniger wertvoll, dass die übrigen Motive fehlen.
Was vom Inktober bleibt
Auch wenn die Serie unvollständig geblieben ist, nehme ich einiges daraus mit.
Vor allem hat sich für mich bestätigt, dass das ACEO-Format eine spannende Möglichkeit ist, kleine Originalkunstwerke zu schaffen. Es fordert mich heraus, Ideen auf das Wesentliche zu reduzieren und mit wenig Platz auszukommen.
Außerdem hat mir die Arbeit an den Motiven wieder gezeigt, wie viel Freude mir ungewöhnliche Bildideen machen. Ein Begriff, eine kleine gedankliche Verschiebung und plötzlich entsteht eine Szene, die es vorher nicht gab.
Die ACEO-Karten werde ich deshalb sicher nicht mit dem Inktober zu den Akten legen. Das Format darf bleiben, auch ganz unabhängig von einer Challenge.
Die wichtigste Erkenntnis dieses Projekts: Nicht jede gute Idee muss bis zum ursprünglich geplanten Ende durchgezogen werden, ich habe auch die Freiheit, auch mal nicht durchzuziehen.
Manchmal entstehen aus einem Vorhaben ganz andere Möglichkeiten. Und manchmal ist es die richtige Entscheidung, mit etwas aufzuhören, obwohl es eigentlich Spaß macht.
Und ganz ehrlich: Als ich diese Entscheidung getroffen und auch öffentlich kommuniziert hatte, bekam ich viel Zuspruch. Vor allem aber merkte ich, wie viel leichter sich mein Alltag plötzlich wieder anfühlte. Vorher hatte ich ständig das Gefühl, alles gleichzeitig schaffen zu müssen. Erst als dieser selbst auferlegte Druck weg war, wurde mir bewusst, wie sehr er mich belastet hatte. Und mit dieser mentalen Last verschwand auch etwas, das mir beim kreativen Arbeiten im Weg gestanden hatte. Plötzlich fühlte sich mein Schaffen wieder freier und leichter an.
Aus 31 geplanten Zeichnungen sind 15 geworden. Aber jede einzelne davon ist ein fertiges kleines Original. Und damit bin ich vollkommen zufrieden.


